Am Sonntag werden wir mitgenommen auf eine Party. Einer der Caver zieht um. Der Tag hatte Bilderbuchwetter, abends wird es kalt, dunkle Wolken bedecken den Himmel - das Fest wird in die Hütte von ESMAD verlegt, ein
kleiner Raum mit vielen Sitzkissen, einem großen Bett, Regalbretter voller Caving-Zeitschriften, Höhlenbildern und unnötigen Dingen wird gewärmt. Die Heizlampe fällt von Zeit zu Zeit aus. An der Wand hängt ein altes Dartbrett, dem Pfeil fehlt die bunte Folie, die er zum Fliegen braucht. Gegrillt wird im Regen, gegessen auf dem Boden. Salat ist reichlich vorhanden, Fleisch auch. Ich bin Beobachter an diesem Abend. Die Stimmung ist ausgesprochen lustig, ich muss kein Türkisch verstehen um zu begreifen, dass immer wieder Witze auf Kosten anderer gemacht werden.
Man trinkt Raki und Bier, isst Melonen und Käse, sitzt zusammen. Alle sitzen zusammen. Unterschiedliche Altersklassen, unterschiedliche Geschlechter, unterschiedliche Interessengruppen. Der Biologe, der Arzt, der Professor, der Soldat, der Student. Jeder hat unterschiedliche Gründe, warum er Mitglied im Verein ist, jeder sucht andere Dinge in den Höhlen. Man bezieht seinen Gesprächspartner mit in die Gestik ein, klopft im auf die Schulter, auf den Schenkel, legt den Arm um ihn, tätschelt ihm den Kopf, lehnt sich auf ihn, beugt sich mit ihm gemeinsam vor um zu lachen. Verständigung ohne
Worte in einer inhomogenen Gruppe, die so herzlich miteinander umgeht. Dann macht das Wort die Runde, jeder erzählt von seinen Erinnerungen mit dem Caver, der gut war, der ein Freund war, den man vermissen wird, der Großes geleistet hat. Keiner kann ausreden. Jeder wird lachend unterbrochen, Worte fliegen durch den Raum, nach fünf Minuten darf man fortfahren mit seinem Satz. Zu allem Überfluss essen wir Kichererbsen, staubtrocken.
Der Umgang zwischen den
Menschen ist offener, natürlicher. Wenn ich lange im Internetcafé bin, wird mir etwas zu trinken gebracht. Männer laufen Arm in Arm über die Straße. Generationen reden.
Auf der anderen Seite sind Distanzen, die wir nicht kennen. Dinge, die man in der Öffentlichkeit nicht tut. Tabus. Oder nicht gern Gesehenes. Mir scheint es, als ob zwischen Ehemann und Ehefrau besondere Regeln herrschen, die ich nicht in Worte fassen kann. Vielleicht noch nicht. Gestern: Ich gehe in den Park in der Nähe
unseres Hauses, daneben eine Moschee, ein Teehaus. Männer sitzen auf den Bänken, ich mache mir Gedanken über das was ich tue und das was ich vielleicht tun sollte ohne darüber Bescheid zu wissen. In einem anderen Land leben zu können heißt nicht die Sprache zu sprechen, sondern die Menschen zu verstehen.
Selcuk hat mich das erste Mal klettern lassen. An einem Übungsseil auf dem Apfelbaumgrundstück. Knoten lernen, Klettern. Fünfmal hoch und fünfmal runter. Mit den vielen Karabinern, dem Klettergurt, den ganzen Schlaufen und Seilklammern komme ich bald zurecht. Man hat keine andere Wahl, zu viel hängt davon ab.
Am Montag fliege ich nach Mardin. Südostanatolien.
Auf eine Bildbeschreibung verzichte ich. Vielleicht kommen die Bilder vor den Worten. Es sind Bayramimpressionen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen