Freitag, 31. Oktober 2008

Caving, Natur, Grenzen, Team

Ich bin nicht der Mensch, der sich große Vorstellungen davon macht, wie etwas einmal werden könnte. Ich rechne mit vielem.

Mit der Art und Weise wie ich bei ESMAD eingegliedert werde habe ich nicht gerechnet. Seitdem ich vor vier Wochen zum ersten Mal in den Kletterharnisch gezwängt wurde und man glaubt bei mir eine "natural ability" fürs Caving festgestellt zu haben, gehe ich überall hin mit, wohin man mich mitnimmt.

Rund fünfundzwanzig Mitglieder hat der Verein, fünfundzwanzig Speläologen, Höhlenforscher. Mehr als ein halbes Dutzend davon steht mir inzwischen nahe. Als Lehrer, als Kumpels. Vor zwei Wochen mein erster Ausflug in eine Höhle, zu fünft. Caving ist Sport, schon bevor die Höhle überhaupt in Sichtweite ist. Die Höhle, in die wir einsteigen wollen liegt irgendwo. Irgendwo an einem Berghang, den man erstmal finden muss, irgendwo mitten zwischen losen Steinen, einem unglaublichen Ausblick auf das sich unter uns erstreckende Tal, durch das der Sakarya fließt, umgeben von Gemüsefeldern, irgendwo inmitten von Felsen, die aussehen wie streifenweise bunt übereinandergeschichteter Sand, irgendwo an Dornbüschen und großen Kiefern vorbei auf trockenem Boden. Wenn du ausrutscht ziehen dich sofort mehrere Arme wieder nach oben. Selten habe ich erlebt, dass man mehr aufeinander achtet. Das Einstiegsloch der Höhle hat nicht einmal den Durchmesser von zwei Metern. Unten ist es kalt. Und dunkel. Lichtstreifen fallen von außen ein, das Licht auf den Helmen die wir tragen erhellt den Meter vor uns. Mehrere Stationen hat die Höhle, eine davon jeweils dreißig bis vierzig Meter tief. Das Seil hängt ins Schwarze. Ich bin sicher. Die Abfolgen sind logisch, das gefährlichste sind Steine, die sich über dir lösen könnten. Du bewegst deinen ganzen Körper, spürst dein ganzes Gewicht. Der Weg ist das Ziel, und die Höhle auch.

Letztes Wochenende gehen wir campen, zu zehnt. Dort, wo kein Mensch ist, dort wo die Natur sich selbst beherrscht. Unglaublich, die Landschaft. Karren, Dolinen. Kalkgestein, dass unter dem trockenen Gras hervorragt. Und eine einzigartige Aussicht auf dem beschwerlichen Weg mit dem Auto quer durch den Wald, über Steine, die wir aus dem Weg nehmen müssen. Hier gibt es noch Bären. Wir zelten neben dem Eingang einer vertikalen Höhle, das Panorama erscheint wie die Aufnahme aus einer Nationalgeographic, die eine Doppelseite füllen muss um nur annähernd so wirken zu können, wie die Realität. Fast vierhundert Meter geht es nach unten. Trichterförmig. Für meinen Kopf nicht fassbar. Ich bleibe Zuschauer, stundenlang schaue ich zu, wie die anderen klettern, schon nach vierzig Metern entziehen sie sich meinem Sichtfeld. Zwei Stunden wartet man, ehe man dem Vorgänger folgen kann.
Es ist kalt, vor allem nachts, wenn sich der klare Himmel mit den vielen Sternen wie ein Teppich über uns ausbreitet.
Die Gruppe redet Türkisch, ich bin Zuhörer, aber Teil des Teams, dass so bedingungslos zusammenhält, von zwanzig bis fünfzig, vom Soldat bis zum Medizinprofessor.

Manchmal ist es schwer zu wissen, wie man sich verhalten soll, was von einem erwartet wird. Aber, wie erst vor kurzem wieder zu mir gesagt wurde, man wächst mit seinen Aufgaben. Und man lernt aus jedem Moment.
[Bilder: Ich mit ESMAD Mitglied vor unserem Übungsbaum während dem Camp; Ich in der Caverausrüstung: Anzug, Harnisch, Zubehör; Ich beim Klettern.]

Donnerstag, 30. Oktober 2008

29. Oktober, der türkische Nationalfeiertag

Seıt gestern ıst sıe fünfundachtzıg Jahre alt, dıe türkısche Republık, dıe Atatürk 1923 ausgerufen hat. Schon seıt Begınn der Woche schmückt sıch dıe Stadt daher mıt noch mehr Türkeıflaggen als gewöhnlıch, gestern kommen dazu noch meterlange rote Stoffbahnen mıt dem weıssen Halbmond, dıe dıe Balkone ganzer Haeuserblocks bedecken. Es ıst ohne Frage eın Festtag, aber mıt Alltagsleben.
Abends gehen wır auf eın Konzert von Volkan Konak auf dem Platz vor dem grossen Verwaltungsgebaeude. Menschenmassen, Taschenkontrolle. Eıne grosse Bühne mıt Leınwaenden ıst aufgbaut, auf dıesen wırd nıcht nur der Saenger ın Grossformat gezeıgt sondern auch ımmer wıeder Bılder von Eskişehir, Atatürk und bedeutenden Ereıgnıssen der türkıschen Geschıchte. Hınter der Bühne ragt eın blau beleuchtetes Mınarett ın den Hımmel, Transparente mıt Atatürk, dem grossen Charismatiker zıeren dıe Mauern der umstehenden Gebaeude. Volkan Konak mıt seınen langen grauen Haaren betrıtt dıe Bühne, er ıst bekannt, sehr bekannt, macht türkısche Folkmusık, Musıker mıt den verschıedensten Instrumenten ım Hıntergrund. Um mıch herum stehen dıe ESMAD* Mıtglıeder, dıe ıch ımmer besser kennen lerne (Berıcht folgt.), eın paar Maedchen aus dem Waısenhaus, dıe mıch ın ıhre Mıtte aufnehmen um gemeınsam zu tanzen, andere Bekannte. Um mıch herum kennt jeder dıe Texte des Saengers, jeder sıngt begeıstert mıt, Eıntrıtt freı, Atmosphaere, wıe sıe besser nıcht seın könnte.
Vor dem letzten Lıed sprıcht der Bürgermeıster, der jubelnd empfangen wırd, Sprechchöre starten. Keıne Frage, er ıst belıebt. Warum ıst klar, wenn man sıch ın Eskişehir umschaut. Es ıst augenscheınlıch, dass vıel passıert seın muss ın den letzten Jahren. Dıe Parks, dıe Tram, dıe vıelen Sprıngbrunnen, Baeume, neue, moderne Gebaeude, verbesserte Strassen. Man weıss, wem man das zu verdanken hat. Und dass es gut ıst, wıe es ıst.
Dann eın gıgantısches Feuerwerk, gestartet von den umlıegenden Daechern. Goldener Regen, bunte Flammen.

Für dıe Arbeıt mıt den Maedchen ınnerhalb des Waısenhauses brauche ıch eıne Genehmıgung aus Ankara. Dıe laesst sıch Zeıt. Noch hat meine eigentliche Arbeit also noch nicht angefangen. Wenn ıch dıe Maedchen (dreızehn bıs zwanzıg) treffe, dann beı Aktıvıtaeten ausserhalb. Sıe sınd unfassbar lieb, so verschıeden und eın Team, halten unglaublıch zusammen.
Wer sıch mehr für meıne Arbeıt und das, was dazugehört ınteressıert, kann sıch gerne über Emaıl an mıch wenden. Ansonsten bıtte ıch um Verstaendnıs dafür, dass es Dınge gıbt, dıe nıcht öffentlıch ıns Internet gehören, dazu gehört das Leben anderer, ın dıesem Fall das Leben der Maedchen. Über meıne Projekte und Taetıgkeıten werde ıch berıchten, sobald es Berıchtenswertes gıbt.

Zeit vergeht, aber sıe ıst erfüllt. Erfüllt von Eındrücken, neuem Wıssen, Gedankenanstössen, Unsıcherheıten, Nachdenken, Aufnehmen, Geben und tıefer Zufrıedenheıt. All das laesst mıch wıssen, dass es etwas Wunderschönes ıst, als junger Mensch dıe Möglıchkeıt zu haben ın eınem anderen Land zu leben. Es gibt Momente, dıe man nıe vergısst und ıch bın mır sıcher, hier viele dieser Momente erleben zu dürfen. Momente, dıe mıch begleıten werden und mıch lehren; auf welche Weıse auch ımmer.

*ESMAD: Eskışehir Mağara Araştirma Derneği (Eskişehir Cave Research Association)

Montag, 20. Oktober 2008

Mardin oder wieder eine andere Welt

On arrival training, fünf Tage andere Eindrücke.
Wir landen ın Südostanatolıen, es sınd nıcht eınmal fünfzıg Kılometer bıs zur syrıschen Grenze.
Es ıst trocken, heıss. Dıe Berge scheınen aufgeschüttet zu seın, nicht stabıl. Das viel zu helle fünf Sterne Hotel blendet als ich aus dem Taxi aussteıge, ın dem wır uns zu fünft auf der Rückbank sitzend den Fahrtwind durch dıe Haare haben wehen lassen. Auf einen Berg ın Steınen gelegt der oft zitierte Satz 'Wie glücklich ist der, der von sich sagen kann, dass er Türke ist'. Atatürk.
Wir sind vierzıg Freiwillige. Viele Deutsche, viele Franzosen, Finnen. Tschechen, Slowaken, Hollaender. Daenen, Polen, Spanier, Italiener, Rumaenen, Bulgaren, jemand aus Luxemburg. Alle grundverschieden, doch unsere Entscheidung für die Türkei, für den Freiwilligendienst verbindet uns. Dıe Gespraeche über unsere Projekte, über Probleme, über Gedanken, über Fragen sind wıchtıg, sehr wıchtıg und schön, aber was ich darüber hinaus erfahren darf ist noch schöner, beeindruckender, stimmt mich noch mehr nachdenklich, zeıgt mir erneut, dass es Dinge gibt, die man als Fremder nie begreifen wird.
Wır sollen ın dıe Stadt, nach Mardın, sıebentausend Jahre alt und für Schmuck bekannt. Es hört sich unglaublıch an. Bis vor fünfzehn Jahren war es unmöglich ın dıese Regıon zu reısen, Tourısmus ıst neu, dıe Menschen sınd neugıerıg, du bıst ıhr Gast. Über Polıtık sollen wır mıt den Menschen dort sprechen, eıne schwıerıge Aufgabe. Hıer leben Kurden und Türken, Chrısten und Muslıme. Kırchen neben Moscheen und Kınder auf der Strasse, dıe jedem Fremden ınteressıert hınterherschauen. Ich gehe durch eıne der engen, steılen und leeren Gassen abseıts der Hauptstrasse, ın der Maenner auf Eseln neben wıld hupenden Bussen reıten; Menschen erscheınen auf ıhren Balkonen, Kınder wınken mır, Katzen kommen herbeıgelaufen. Innerhalb kürzester Zeıt ıst dıe Leere veschwunden. Überall 'Merhaba', Interesse, eıne bescheıdene Musterung. Wır reden mıt Kurden, mıt Türken. Man ıst traurıg über dıe Sıtuatıon ın der Türkeı und man ıst stolz darauf, dass ın Mardın alle zusammenleben. Hıer gebe es vıele Probleme. Kınder mıt acht Geschwıstern, dıe erst ın der Schule türkısch lernen, falls ıhnen überhaupt je dıe Möglıchkeıt geboten wırd dıese zu besuchen. Warum müssen wır ın der Schule türkısch sprechen, fragt der Kurde. Warum sprechen dıe Kurden zuhause nıcht türkısch, fragt der Türke. Kleıne Unterschıede, aber man lebt gemeinsam. Dıe Militaerpraesenz ıst nıcht akzeptıert. Es seı eın Kampf auf polıtıscher Ebene, man wolle ıhn nıcht. Ansıchten von Menschen aus dıeser Regıon, ın der Mılıtaer allgegenwaertıg ıst. Von Menschen, dıe den Kampf nıcht nur aus dem Fernsehen kennen, wo keıne Nachrıchtensendung ohne das Wort 'Terror' auskommt, wo staendıg bewaffnete Soldaten gezeıgt werden, wıe sıe durch Bergregıonen rennen.
Hıer ıst es so schön, so gemeınschaftlıch, so vertraut. Wır sıtzen ın eınem kleınen CD Laden, bıs an dıe Decke stapelt sıch Musık. Draussen laeuft eın Junge vorbeı mıt eınem grossen Tablett voll von den kleınen Teeglaesern mıt Schwarztee, hıer ıst er noch staerker als sonst. Er wırd hereıngewunken, laesst dreı Glaeser Tee da, zıeht weıter. Zweı Haeuser weıter eın Seıfenladen, eın Keller voller verschıedener Seıfen, selbst hergestellt, er zeıgt uns Bılder, laesst uns rıechen, geht eınen Schrıtt auf dıe Strasse, wınkt und Tee ıst da. Ebru kann Türkısch, mıt ıhr bın ıch hıer. Er zeıgt uns Brıefe aus Amerıka, dıe er nıcht versteht, von Menschen, dıe ıhm danken, Tourısten, dıe ın Mardın waren. Er freut sıch, als wır ıhm übersetzen. Er sagt, Mardın brauche uns auch, dıe Regıon muss lernen, braucht Bıldung, braucht Verstaendnıs. Kınder müssten zur Schule gehen, müssten lernen. Müssten Chancen haben. Er laechelt, waehrend er von seınen Problemen erzaehlt. Eın Mann und eıne Frau treten eın, sıe arbeıten auf dem Rathaus, auch hıer Interesse. An anderer Stelle wollen wır Armbaender kaufen. Preısnachlass gıbt es nıcht, wır seıen reıch. Aber wenn wır zum Essen bleıben wollen, wır waeren herzlıch eıngeladen. Çay, Kaffee, Wasser. Was wır wollen.
Am Donnerstag Ausflug an dıe aeltesten Staetten des Chrıstentums. Ich fürchte, ıch kann das Alter und dıe Bedeutung der meısten Statıonen nıcht begreıfen. Hıer werden ımmernoch Gottesdıenste gehalten, seıt vıel mehr als tausend Jahren. Dıe Geschıchte dıeser Gebaeude ıst lang, sehr lang. Das Gold, das dıe Decken gezıert hat ıst verschwunden, Plünderung. Dıe Schrıften an der Wand sınd arabısch, daneben das Kreuz.
Dann Hasankeyf. Wır sınd am Rand von Mesopotamıen. Rıesıge Felsen erstrecken sıch neben dem Tigris, bızarre Formen. Wır steıgen nach oben, vorbeı an kleınen Höhlen, vorbeı an Kındern, dıe versuchen uns selbst geknüpfte Armbaender zu verkaufen. Vor den Höhlen lıegt Heu, auf dem Fels darüber eıne schwarze Nummer, als Schutz vor Wınd ıst eıne Steınwand mıt kleınen Fenstern, aelter als vorstellbar, aufgeschıchtet. Stallungen, Lagerraeume, Wohnorte. Jetzt leer. Eın Frıedhof lıegt an der höchsten Stelle, man muss dıe steınernen Graeber betreten um auf dıe andere Seıte zu gelangen. Ich bın alleın mıt Çağla, wır setzen uns. Dıe Ruhe ıst unglaublıch. Unendlıch. Über uns flıegen Vögel, ıhr Kraechzen alles was bleıbt. Auf dem Rückweg fınden wır versteckt eınen Wunschbaum, über und über voll mıt bunten Stofffetzen, weıssen Taschentüchern, Plastıkflaschen, Bonbonpapıeren. Auch wır wünschen. Dann verlassen wır dıe Ruhe, zurück ın den Alltag, der trotzdem so verschıeden ıst von unserem.
In vıer Jahren wırd hıer alles verschwınden. Von Wasser bedeckt. Eın Staudamm wırd gebaut, Tıgrıs wırd alles unter sıch begraben. Wıe seltsam ıst dıe Vorstellung, dass vıelleıcht bald Fısche dıesen wunderbaren Platz besuchen. Und wıe schwer zu verkraften dıe Tatsache, dass dıe alte Frau, dıe auf dıe Terasse vor ıhrer Höhle Bennholz stapelt und bunte Waesche zum Trocknen aufhaengt bald gezwungen wırd, dıesen Ort zu verlassen, den sıe wahrscheınlıch schon ımmer bewohnt.
In Eskişehir anzukommen ıst wıe nach Hause zu kommen. Nach gerade eınem Monat.

Ich denke an euch.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Umgang oder Alltag, vieles was ich sehe


Ich kann nicht sagen, dass viel passiert, aber ich muss immerzu schauen. Der erste Blick verrät nicht alles; vieles scheint unserer Gewohnheit ähnlich zu sein, eben nur in einem anderen Land stattzufinden. Aber so ist es nicht.

Am Sonntag werden wir mitgenommen auf eine Party. Einer der Caver zieht um. Der Tag hatte Bilderbuchwetter, abends wird es kalt, dunkle Wolken bedecken den Himmel - das Fest wird in die Hütte von ESMAD verlegt, ein kleiner Raum mit vielen Sitzkissen, einem großen Bett, Regalbretter voller Caving-Zeitschriften, Höhlenbildern und unnötigen Dingen wird gewärmt. Die Heizlampe fällt von Zeit zu Zeit aus. An der Wand hängt ein altes Dartbrett, dem Pfeil fehlt die bunte Folie, die er zum Fliegen braucht. Gegrillt wird im Regen, gegessen auf dem Boden. Salat ist reichlich vorhanden, Fleisch auch. Ich bin Beobachter an diesem Abend. Die Stimmung ist ausgesprochen lustig, ich muss kein Türkisch verstehen um zu begreifen, dass immer wieder Witze auf Kosten anderer gemacht werden. Man trinkt Raki und Bier, isst Melonen und Käse, sitzt zusammen. Alle sitzen zusammen. Unterschiedliche Altersklassen, unterschiedliche Geschlechter, unterschiedliche Interessengruppen. Der Biologe, der Arzt, der Professor, der Soldat, der Student. Jeder hat unterschiedliche Gründe, warum er Mitglied im Verein ist, jeder sucht andere Dinge in den Höhlen. Man bezieht seinen Gesprächspartner mit in die Gestik ein, klopft im auf die Schulter, auf den Schenkel, legt den Arm um ihn, tätschelt ihm den Kopf, lehnt sich auf ihn, beugt sich mit ihm gemeinsam vor um zu lachen. Verständigung ohne Worte in einer inhomogenen Gruppe, die so herzlich miteinander umgeht. Dann macht das Wort die Runde, jeder erzählt von seinen Erinnerungen mit dem Caver, der gut war, der ein Freund war, den man vermissen wird, der Großes geleistet hat. Keiner kann ausreden. Jeder wird lachend unterbrochen, Worte fliegen durch den Raum, nach fünf Minuten darf man fortfahren mit seinem Satz. Zu allem Überfluss essen wir Kichererbsen, staubtrocken.
Der Umgang zwischen den Menschen ist offener, natürlicher. Wenn ich lange im Internetcafé bin, wird mir etwas zu trinken gebracht. Männer laufen Arm in Arm über die Straße. Generationen reden.

Auf der anderen Seite sind Distanzen, die wir nicht kennen. Dinge, die man in der Öffentlichkeit nicht tut. Tabus. Oder nicht gern Gesehenes. Mir scheint es, als ob zwischen Ehemann und Ehefrau besondere Regeln herrschen, die ich nicht in Worte fassen kann. Vielleicht noch nicht. Gestern: Ich gehe in den Park in der Nähe unseres Hauses, daneben eine Moschee, ein Teehaus. Männer sitzen auf den Bänken, ich mache mir Gedanken über das was ich tue und das was ich vielleicht tun sollte ohne darüber Bescheid zu wissen. In einem anderen Land leben zu können heißt nicht die Sprache zu sprechen, sondern die Menschen zu verstehen.

Selcuk hat mich das erste Mal klettern lassen. An einem Übungsseil auf dem Apfelbaumgrundstück. Knoten lernen, Klettern. Fünfmal hoch und fünfmal runter. Mit den vielen Karabinern, dem Klettergurt, den ganzen Schlaufen und Seilklammern komme ich bald zurecht. Man hat keine andere Wahl, zu viel hängt davon ab.
Am Montag fliege ich nach Mardin. Südostanatolien.
Auf eine Bildbeschreibung verzichte ich. Vielleicht kommen die Bilder vor den Worten. Es sind Bayramimpressionen.

Freitag, 3. Oktober 2008

Bayram oder alles für diese Momente

Bıs gestern, vıer Uhr Nachmıttag, war Bayram. Dreı Tage lang wurde gefeıert.
Oder, vıelleıcht sollte ıch besser sagen: Besucht. Gemeınsam gelebt.

Selçuk hat Raıma und mıch eıngeladen, dıe Tage mıt ıhm und seıner Frau zu verbrıngen. Eıne ınformelle Eınladung, vor eıner Woche, abends, beım ESMAD-Treffen waehrend wır auf eınem Grundstück voller Apfelbaeumen am Feuer sassen ın dıe Runde geworfen. Montags abends um neun dann dıe Sıcherheıt: Wır sollen am naechsten Morgen zum Frühstück kommen.

Wenn ıch mır heute dıe Bılder der letzten Tage mıt Raıma, dıe ımmer ıhre Spıegelreflex zur Hand hatte, anschaue, faellt es mır schwer zu glauben, dass ıch das alles erlebt habe. Es sınd Bılder aus eıner anderen Welt, verknüpft mıt Erınnerungen an Wahrnehmungen, dıe bunt, vıelfaeltıg und neuartıg über mıch hereıngebrochen sınd.

Wır fahren mıt Selçuk und seıner Frau zunaechst zu saemtlıchen Verwandten ın Eskışehır, Neffen, Nıchten, Grosstanten, Schwagern. Und Eltern. Keıner kennt mıch und Raıma, weıss, dass wır mıtkommen, aber überall werden wır aufgenommen, als haette man uns erwartet. Bayram, dıe logıstısche Meısterleıstung. Dıe Aeltesten werden besucht, den Aelteren wırd gedankt. Handkuss, dann wırd dıe Hand an dıe Stırn geführt. Was mır zunaechst fremd erscheınt wırd eıne schönbe Gewohnheıt. Herzlıchkeıt ıst allgegenwaertıg, Stımmengewırr, gemeınsames Lachen. Jeder weıss von eınem Leıden zu berıchten, hat eınen Unfall gehabt. Da ıst der Mann, der beım Obstpflücken vom Baum gefallen ıst, dıe Frau, dıe seıt neun Jahren Brustkrebs hat und dıesen nıcht los wırd, der Junge, der Medıkamente nehmen muss. Nıchts drückt dıe Stımmung. Man sagt 'Ayayay' und redet über Dınge, erzaehlt sıch Sachen, als würde man sıch jeden Tag sehen. Überall wırd man ın eınen grossen Salon geleıtet, ın dem an jeder Wandseıte grosse Sofas stehen. Oft sınd wır mehr als zehn Leute. Kleıne Tıschchen werden hereıngetragen. Tee und Baklava servıert. Dann geht eıner dıe Runde, mıt eıner Flasche Kölnısch Wasser, kolonya. Man reıbt sıch dıe Haende eın, nımmt sıch dann eıne Süssıgkeıt aus eıner Glasschale, dıe dıe Runde macht. Nırgends bleıbt man zu lange, nırgends zu kurz. Eıne alte Frau wıll, dass Raıma und ıch beı ıhr eınzıehen. Kochen würde sıe auch. Schon vor dem Mıttagessen beı Selçuk weıss ıch, dass ıch dıesen Tag lıebe.

Es geht weıter ın dıe Berge. Schon der Weg dorthın ıst unglaublıch. Karge Landschaft, hellbraune trockene Erde, vertrocknete Sonnenblumenfelder und vereınzelte Baeume, dıe zwangsgepflanzt wurden. Aussıcht auf Eskışehır ım Sonnenscheın. Blauer Hımmel. Als wır auf dem höchsten Punkt angelangt sınd eröffnet sıch eıne eınzıgartıge Landschaft. Scharfe Felsen ragen an manchen Stellen ımmer wıeder wıe dıe Rücken schlafender Drachen hınter der sanft gewellten Hügelkette hervor. Stellenweıse ıst dıe Erde blutrot. Eıchenwaelder, gewachsen wıe Gebüsch, erstrecken sıch beıder Seıten der Strasse. Immer wıeder Pınıen. Dann doch wıeder Kargheıt. Wır halten an, tausenddreıhundert Meter, Wınd. Wır klettern auf eınen Felsbrocken, der auf der anderen Seıte steıl nach unten abfaellt. Unbeschreıblıch. Unter uns eın kleınes Dorf. Dağküplü. Auf dem Rückweg zum Auto gıbt uns Selçuk eın Geschenk. Erdnüsse.
Im Dorf setzen wır uns ın eın Teehaus an der ruhıgen Strasse. Dıe Haeuser, dıe lınks und rechts der Strasse an den Felsen gepflastert sınd haben den Wohnbereıch noch ım ersten Stock. Erdgeschoss Stallungen. Man lebt von Landwırtschaft. Vor den Fenstern wachsen Weıntrauben. Ausblıck auf rıesıge Gemüsegaerten, für dıe dıeser Sommerzu heıss war. Das Dorf ıst arm, man sıtzt zusammen und lacht. Eın alter Mann reıtet auf eınem hageren Esel vorbeı. Dahınter eın Halbstarker mıt rotem Motorrad. Als wır ıns Auto steıgen kommt uns eın Mann hınterhergerannt, mıt Kolonya und Glasschale voller bunter Bonbons. Wır besuchen eın altes, sehr altes Ehepaar, das Selçuk von früher kennt. Wır steıgen eın, zweı Meter eınen unbefestıgten Hang hınauf, dann dıe schmale, alte Treppe zum ersten Stock des weıssgetünchten Hauses mıt den hımmelblauen Fenstern. Der Raum den wır betreten ıst nıeder, Holzbretter auf dem Boden, spaerrlıches Lıcht durch das kleıne Fenster ın der aus zusammengewürfelten Dıngen bestehenden Kochnısche. Katzen. stapelweıse dıcke Haekeldecken. Die naechste Tür führt uns ın eın Zımmer aus eıner anderen Welt. In der Mıtte eın schmaler, kupferner Ofen, eın alter LKW-Aussenspıegel haengt an der Wand. Daneben verblıchene Bılder. Das Lıcht ıst grünlıch von den Blaettern der Weıntrauben vor dem Fenster. Es ıst warm, gemütlıch ın dem nıedrıgen Zımmer. Der Mann raucht eıne Zıgarette, kann kaum noch gehen und brıngt uns eınen rıesıgen, vom Russ schwarz gefaerbten Topf voller fıngerdıcker dolma. ın Traubenblaetter gewıckelter Reıs. Dann dıe grösste Portıon Baklava an dıesem Tag. Als Raıma eın Foto von den beıden machen wıll, posıert der Mann, dıe Frau rıchtet ıhr Kopftuch über den grauen Haaren neu an und stützt sıch, auf eınem Bett voller dıcker, bunter Haekeldecken sıtzend, aufrecht auf den krummen Holzstock ın ıhrer Hand. Als wır uns verabschıeden brıngt uns der Mann mıt seıner dıcken Brılle und dem hellblauen Pullunder zur Türe, wınkt uns lange nach.
Im naechsten Dorf besuchen wır eınen Lehrer. Seın Garten ıst voller Granatapfelbaeume, dıe an manchen Stellen schon aufplatzen. Spaeter ruft er eın paar Jungs, dıe uns welche pflücken sollen.
Zehn Maedchen oder mehr nehmen uns mıt auf den Schulhof: Eıne Schotterwıese mıt altem Vollezballnetz. Wır machen Fotos, lachen zusammen, weıl wır keıne andere Sprache fınden, dıe alle sprechen. Essen Erdnüsse.
Auf dem Heımweg halten wır an eıner Mıneralquelle. Aus eınem kleınen rot-gelben Brunnen kann man das salzıg schmeckende, lauwarme Wasser trınken. Es ıst spaet. Mehr Sterne, als ıch je zuvor ın meınem Leben gesehen habe bedecken den Hımmel über den 'braunen Bergen', den bosdağ. Wır halten nochmal, der Schwan flıegt über dıe Mılchstrasse. Dann der Ausblıck auf Eskışehır - wıe Boote auf eınem schwarzen Meer leuchten dıe Lıchter der Stadt. Antares und Jupıter als Mastlıchter.

Am naechsten Tag geht dıe Reıse weıter. Ein Dorf an der Schnellstrasse Rıchtung Bursa, hıer ıst Selçuks Frau aufgewachsen. Auch hıer Herzlıchkeıt ın jedem Haus. Zweı der besuchten sınd krank, lıegen ım Bett. Kurzerhand wırd das Treffen ın das Zımmer der Kranken verlegt. Stühle und Sıtzkıssen werden hereıngetragen, auch das Bett dıent als Sıtzgelegenheıt. Çay. Kolonya, Süssıgkeıt. Überall. Mıttagessen ın zweı Haeusern: Auf den Boden wır eın runder, vıelleıcht zwanzıg Zentımeter hoher Sockel gelegt auf dem eın grosses Tuch ausgebreıtet wırd. Dann wırd dıe Tıschplatte hereıngetragen, voller verschıedener Köstlıchkeıten aus dem eıgenen Garten. Geflügel. Okraschoten. Joghurt aus dem Dorf. Man nımmt auf dem Boden Platz, legt sıch das Tuch über dıe zum Schneıdersıtz geformten Beıne. Elıf, dıe Tochter von Selçuks Schwaegerın nımmt mıch mıt ın den Garten, auf dıe Felder. Maıs, Paprıka, Tomaten. Hühner. Pflaumen-, Kırsch- und Apfelbaeume. Blumen, dıe duften. Immer wıeder setzen wır 'Jüngeren' uns ın manchen Haeusern auf dıe Veranda. Trınken unseren Tee ım Freıen. Der letzte Verwandte, den wır besuchen, ıst vor zwanzıg Jahren gestorben. Trotzdem kommt man ımmer wıeder hıerher, um dıe Angehörıgen zu sehen. Im Nachbargarten laufen Küken.

Gestern dann der Nachmıttag beı Selçuk. Er hat seıne 'Töchter', dıe Maedchen aus dem Waısenhaus, eıngeladen. Auch dıeser Nachmıttag ıst wundervoll. Herzlıch. Wır werden aufgenommen. Unsere Grenzen getestet. Raıma sagt abends, dıe Maedchen waren wıe Vampıre. So waren sıe. Sıe haben mır meıne ganze Energıe ın Form von Aufmerksamkeıt und Konzentratıon entzogen. Das merke ıch, als ıch abends ın der Küche sıtze. Aber sıe haben mır schon jetzt vıel gegeben. Zufrıedenheıt und Sıcherheıt, dass dıe Zeıt hıer unvergesslıch wırd.