Freitag, 26. September 2008

"Schönheit beglückt nicht den, der sie besitzt, sondern den, der sie lieben und anbeten kann." (Hesse)

Ugur kommt gerade in mein Büro, mit vielen kleinen Muffins: "It's cookie time."
Selcuk und Ugur sind unglaublich. Ich denke, sie werden meine türkische Familie.
Mein Büro, das ist ein Raum der Ozmangazi Üniversite, den ich mir mit Raima teile und dessen Mobiliar wir mittlerweile so ausgerichtet haben, dass eine angenehme Arbeitsatmosphäre entstanden ist.
Jeden Tag lerne ich neue Leute kennen. Jeden Tag entdecke ich neue Ecken in Eskisehir, die ich bewundere. Hier spricht Lebensphilosophie aus alten Gebäuden, die in Deutschland für unbewohnbar erklärt werden würden. An den Fenstern hängen knallrote Paprikaketten, zum Trocknen aufgehängt. Vor einem einstöckigen Haus hat eine Frau einen Teppich auf dem staubigen, trockenen Boden ausgelegt, den sie mit viel Wasser putzt. Das Wasser läuft die Straße hinunter, vorbei an Männern, die auf kleinen Stühlen vor der Haustüre sitzen und Tee trinken und Kindern, die mit ihrer Schulkleidung und den üblichen bunten Rucksäcken, auf die bunte Bilder von Fernsehhelden aufgenäht sind, über die Straße springen, auf eine nicht abgesperrte Baustelle zu. Immer wieder kommen sich auf der verengten Fahrbahn Autos entgegen. Keiner hält an. Beide fahren bis zur Mitte, dort gibt der Schwächere nach und setzt zurück.
In den Bussen hängen Türkeiflaggen. Atatürk-Bilder. Unten am Sonnenschutz ist eine Häkelbordüre angebracht, der Fahrer hält seine Hand in den Fahrtwind, dabei läuft türkische Musik.

Gestern war ich in EsPark, dem neuen Einkaufszentrum, welches ich fast noch moderner, als die Schlösslesgalerie emfinde. Deichmann, Orsay, Zara, Mediamarkt, Nike. Polierter Edelstahl, Lichtspiele. Am Eingang Sicherheitskontrollen wie in offiziellen Regierungsgebäuden. Die Haltestellen der EsTram könnten Vorbild für sämtliche, sich als westlich bezeichnende Länder sein. In die Haltestelle selbst kommt man nur mit gültiger Fahrkarte, der Magnetstreifen gewährt einem Einlass am Drehkreuz. Kommt die Tram schieben sich hüfthohe Glastüren in Gleisrichtung zur Seite, die Tramtüren öffnen sich per Sensor.
Gestern war ich auf dem Campus der Anadolu Üniversite, dort werde ich meinen Sprachkurs haben, zweimal die Woche. Das Gelände ist gigantisch. Riesengroß, als Park angelegt, überall Springbrunnen, Wasserspiele, Brücken, Rückzugsorte, Sitzmöglichkeiten, kleine Cafés, Teehäuser, Restaurants, Läden, Supermärkte, Bankschalter. Alles ist grün. Es duftet tatsächlich nach Blumen, den Weg säumen Dahlien. Die Aussicht auf die umliegende Landschaft, Eskisehir, die Berge ist wunderschön. Die Uni ist die reichste der Türkei.
Der Sprachkurs wird mir nicht viel helfen, ich werde wohl weiterhin mein eigener Lehrer sein. In meiner ersten Stunde gestern habe ich kaum Neues gelernt.

[Bilder:
Haller, früher Markthalle, heute: Cafés, kleine Läden. Der Ort ist momentan, während Ramadan, sehr ruhig.
Eine Straße in der Umgebung unseres Hauses. Ich mag es, mit dem Bus durch diese Straße zu fahren.
Verlässt man die "europäische" Haupteinkaufsstraße findet man Gassen, deren Gebäude im unteren Stockwerk kleinen Marktbuden gleichen.]

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